{"id":371,"date":"2020-12-13T20:45:03","date_gmt":"2020-12-13T20:45:03","guid":{"rendered":"http:\/\/fresenspegel.de\/?p=371"},"modified":"2020-12-13T20:59:50","modified_gmt":"2020-12-13T20:59:50","slug":"jammerweihnacht-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fresenspegel.de\/?p=371","title":{"rendered":"Jammerweihnacht 2020"},"content":{"rendered":"\n<p>Nun kommt wohl, was nach Ansicht ernstzunehmender Wissenschaftler schon lange h\u00e4tte kommen sollen. Die strengere Gangart im \u00f6ffentlichen Raum ist unabdingbar, denn in Anbetracht einer t\u00f6dlichen Bedrohung ist das Setzen auf Freiwilligkeit und Einsicht eher eine waghalsige Hoffnung gewesen. Wenn Weihnacht als Zeit der Hoffnung von Gl\u00e4ubigen gesehen wird, bietet das Bild der Realit\u00e4t nicht nur in den Intensivstationen Ohnmacht und Elend. Dabei war die Entwicklung des Pandemiegeschehens vorhersehbar und auch durch den Vergleich mit Staaten, die eine fr\u00fchere Entwicklung hatten, im Verlauf beschrieben. Der F\u00f6deralismus hat in der Bew\u00e4ltigung des Panademiegeschehens kein positives Bild gezeichnet. Dabei h\u00e4tte man sich an anderen Staaten orientieren k\u00f6nnen, S\u00fcdkorea hatte eine viel konsequentere Haltung eingenommen. Zwar hatte es auch dort Ausrutscher gegeben, wenn in Kirchen oder Nachtclubs unter dem Trieb der Vergesellschaftung wider alle Vernunft die Regeln nicht anerkannt wurden. W\u00e4hrend wir uns nun eine Schockstarre \u00fcber Weihnachten und Jahreswechsel verordnen, ist das \u00f6ffentliche Leben in S\u00fcdkorea kaum beeintr\u00e4chtigt. Fragt man nach der Ursache f\u00fcr die Differenz, kommt man um eine Erkenntnis nicht herum, die Disziplin der Asiaten und die Einsicht in Notwendigkeiten sind ausgepr\u00e4gter als in unserer Spa\u00dfkultur. Ein Ph\u00e4nomen lie\u00df sich aber bei uns mit Beginn der Seuche beobachten. Vermeintliche Experten, als Politiker oder Verwaltungsfunktionstr\u00e4ger, traten wo immer m\u00f6glich ins Rampenlicht oder setzten sich selbst \u00fcber die sozialen Medien in Szene. Da konkurrierten dann Verwaltungsbeamte, B\u00fcrgermeister und Politiker mit Ratschl\u00e4gen, &#8222;Erfolgsberichten&#8220;, gespickt mit den jeweils neuesten Zahlen &#8222;Wiedergenesener&#8220; und Toten via Facebook, Twitter etc., um ja auf ihren Einsatz zu verweisen. Corona sprengte die Nachrichtenfesseln und f\u00fchrte zur pers\u00f6nlichen Kriegsberichtserstattung von der Pandemiefront. M\u00fc\u00dfig auf die Nachrichten der Tageszeitungen zu warten, wenn doch die neuesten Zahlen via Facebook von den Verwaltungsakteuren direkt abgeklickt werden k\u00f6nnen. Distanzen wurden in den Sozialen Medien, in denen das System die &#8222;Du-Befreundung&#8220; schon vorgaukelt, vollst\u00e4ndig aufgegeben. Das Buhlen um Gunst und Ansehen jenseits von Wahlk\u00e4mpfen aus der &#8222;Macher&#8220; Perspektive. Das die Freiheit des Politikers aber Distanz zu allzu wirtschafltich gedachten Bedenken ben\u00f6tigt, um auch unpopul\u00e4re Ma\u00dfnahmen einfordern zu k\u00f6nnen, schien vergessen. Erst jetzt bringt das Leid der gro\u00dfen Zahl die Panik und entschuldigende Geste \u00fcber das zur\u00fcckliegende Zaudern und Taktieren. Nein, analysierend Zur\u00fcckschauen m\u00f6chte man nicht, die Gegenwart ist grausig genug, der R\u00fcckblick k\u00e4me an der Frage des anf\u00e4nglichen Versagens nicht vorbei. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an den Beginn der Entwicklung. Ich kam gerade von S\u00fcdkorea zur\u00fcck, wo wir durch \u00fcberall sichtbare Ver\u00e4nderungen und pausenlose Beitr\u00e4ge in Funk und Fernsehen auf die neuen Verhaltensnotwendigkeiten vorbereitet waren. \u00dcberall Desinfektionsmittel, selbst in Toiletten, die \u00f6ffentlichen dort allgemein sauberer und kostenlos in gr\u00f6\u00dferer Zahl bereitstehend, als wir dies aus unserer heimischen Gro\u00dfstadt kennen. In Kaufh\u00e4usern, Hochhausfluren und Aufz\u00fcgen, \u00fcberall Menschen mit Masken. Weitgehend selbstgen\u00e4hte, h\u00e4ufig modische Modelle, immerhin geh\u00f6rt es ich in Korea, da\u00df man auf der Stra\u00dfe wohlgekleidet ist. Mir selbst f\u00e4llt auf, da\u00df mich Unbekannte auf einmal direkt in Koreanisch ansprechen, wo ansonsten das wohl mit englischen Vokabeln erfolgt w\u00e4re. Schnell erschlie\u00dft sich mir mein Ansichtswechsel&#8230; Koreaner tragen auch im Alter Grau und nun fehlte die ansonsten dominante Nase des Europ\u00e4ers, elegant durch die Maske verdeckt. Der Wechsel nach Deutschland f\u00fchrt zu entsetztem Erstaunen. Bereits am Flughafen Menschengruppen in enger Zuwendung. Nein, Corona ist doch weit weg. Es folgen die Monate im Kompetenzgerangel und Freiheitsdiskussionen, die an philosophische Erstseminare erinnerten. Wenn der Eimer der Vernunft aber nun ein Loch hat, predigt selbst der\/die Weise in die W\u00fcste. Jochen Steffens Wort, &#8222;Junge, du wirst noch mal eine Zeit erleben, da wird nicht mehr regiert, da werden M\u00e4ngel verwaltet.&#8220; kommt mir in den Sinn. Als Sch\u00fcler noch, traf ich auf ihn im Rahmen einer gesellschaftspolitischen Veranstaltung in der Essener Volkshochschule. Das von ihm beschriebene Szenario offenbart sich nun in der Krise. Die Politik wird in wichtigen Fragen handlungsunf\u00e4hig, selbst da, wo in der Bev\u00f6lkerung bei konkreter Umsetzung Verst\u00e4ndnis zu erwarten w\u00e4re. Stattdessen dominieren Unvern\u00fcnftige und agitierende Minderheiten die Leere. <\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Herkunftsfamilie h\u00f6rte ich oft die Floskel, &#8222;ihr k\u00f6nnt da ohnehin nicht mitreden, ihr habt ja noch nichts mitgemacht.&#8220; Die Alarmbereitschaft in den Bombenn\u00e4chten, das Bergen von Leichen aus zerbombten Kellern, nein, das entzieht sich unserer Vorstellungskraft. Ob sie, l\u00e4ngst verstorben, heute die Belastung ausbleibenden Besuchs, oder das Maskentragen wohl beklagen w\u00fcrden? Klagen war ihnen ja bereits als Kinder aberzogen worden, aber ich bin sicher, sie w\u00e4ren furchtloser als viele Zeitgenossen, denn der Feind ist bekannt und man kann handeln. Die Freiheit zur Handlung statt diffuser \u00c4ngste. Die Einsicht in das Notwendige der Handlung, das kein Zaudern duldet. Es ist die Kraft, die ich nicht im Verhalten vieler Politiker wiederfinde. Das Jammern der Einzelnen tempor\u00e4r nicht allein sein zu k\u00f6nnen, die Abh\u00e4ngigkeit vonfortw\u00e4hrender Vergesellschaftung, es ist symptomatisch f\u00fcr die Leere in einer \u00dcberflu\u00dfgesellschaft, die dem Einzelnen den Anreiz zur Entwicklung einer selbst\u00e4ndigen Pers\u00f6nlichkeit nimmt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ende Januar werden wir den interkulturellen Vergleich mit Korea fortsetzen k\u00f6nnen. Das notwendige C1 Visum zur Einreise ist durch das koreanische Justizministerium erteilt und gleich der Verhaltenskatalog unterschrieben, der uns eine 14-t\u00e4gige h\u00e4usliche Meditation vorschreibt. Bekannte, die in normalen Zeiten gerne mal zwei Wochen eine Auszeit in einem Kloster in der koreanischen Bergwelt nahmen, h\u00e4tten derzeit keine M\u00f6glichkeit, Korea verweigert konsequent Besuchsreisen. Den Weisungen folgend werden wir also vom Flughafen aus auf dem Hintersitz eines Fahrzeugs, nicht sprechend und mit Maske unseren Zielord ansteuern und dort unsere Wohnung nicht verlassen. Die Literatur ist bereits ausgew\u00e4hlt und es wird sicherlich eine entspannte Zeit, bevor wir Ihnen dann weitere drei Wochen einen Einblick in den koreanischen Alltag unter Pandemiebedingungen \u00fcbermitteln werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Bleiben Sie gesund, oder wie wir es in Ostfriesland zu sagen pflegen: Hol di munter. Zuversicht ist auch in der Krise die st\u00e4rkste Kraft. <\/p>\n\n\n\n<p>(stk)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun kommt wohl, was nach Ansicht ernstzunehmender Wissenschaftler schon lange h\u00e4tte kommen sollen. Die strengere Gangart im \u00f6ffentlichen Raum ist unabdingbar, denn in Anbetracht einer t\u00f6dlichen Bedrohung ist das Setzen auf Freiwilligkeit und Einsicht eher eine waghalsige Hoffnung gewesen. 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